Aufregendes Leben eines Nimmermüden 

Was viele von Urs von Schroeder zu kennen glauben, ist meist nur eine von vielen seiner Facetten. Höchste Zeit, dieses Bild zu ergänzen, jetzt, wo er die "News" abgibt. 


Urs von Schroeder  mockiert sich zuweilen, wenn er als „Mister News“ schubladisiert wird. Während seiner Swissair-Zeit war er ja hauptsächlich als PR Officer und Pressechef Ausland tätig und betreute die Personalzeitung grösstenteils nebenbei. Sein Hauptjob war aufregend, weil er – meist in organisierender Funktion – überall mit dabei sein durfte, wo Swissair-Geschichte geschrieben wurde. Dazu brachte er Hunderten von ausländischen Journalisten unser Land nahe und begleitete Schweizer Medienleute oder bei Eröffnungsflügen oft auch Bundesräte nach Übersee. An süffigen Episoden, im wahrsten Sinne des Wortes zum Beispiel mit Jean-Pascal Delamuraz in Korea, fehlte es dabei nicht. Tiefe Spuren hinterliessen bei ihm Terror- und Kriegserfahrungen oder die Flugkatastrophen von Athen und Halifax. Auch schaudert es ihn bei der Erinnerung an die blutigen Pratzen afrikanischer Gewaltherrscher, die er drücken musste. Die aufregende internationale Tätigkeit kam seiner Leidenschaft für menschliche Begegnungen, fürs Reisen rund um die Welt und das Schreiben sehr entgegen und fand auch den Niederschlag in der Mitarbeiterzeitung. Die Entwicklung der "News", die in ihren besten Zeiten in einer Auflage von 70‘000 Exemplaren dreisprachig erschien, wurde massgebend durch ihn geprägt. Nach Jahrzehnten leidenschaftlichen Engagements für die Swissair erlebte er dann einen hässlichen Abgang. Es spricht für ihn, dass er im Jahr 2004 bereit war, für die Pensionierten-Vereinigung die „News light“ neu auf die Beine zu stellen.


Ein rundes Dutzend Bücher  


Über ein halbes Jahr lang recherchierte er darauf für ein Buch über die gewaltigen Dimensionen der menschliche Tragödie von "Halifax". Als dieses in schon weit fortgeschrittenem Zustand von amerikanischen Anwälten brutal abgewürgt wurde, war dies für ihn ein grosser Tiefschlag. "Es wäre mein wohl bewegendstes Werk geworden!", ist der engagierte Autor überzeugt. Im Laufe dreier Jahrzehnte konnte Urs von Schroeder ein rundes Dutzend Bücher veröffentlichen. Eines davon ist „Gestern Hongkong – morgen New York“, für das er sich extra zum Flight Attendant ausbilden liess und das dann zum Bestseller wurde. Neben seinen Swissair-Büchern schrieb er Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays und Kurzprosa (z.B. "Kein Grund zur Panik" oder "Helden brauchen keine Orden") und publizierte auch in Japan.

Als Abrundung seines bisherigen Schaffens erscheint Ende dieses Jahres seine Autobiografie unter dem Titel "Tango auf dem Packeis!“. Der Verleger Al' Leu bezeichnet sie als ein lebendiges Zeitdokument. „Damit werde ich wohl mein eigenes Grab schaufeln!“, bemerkt. dagegen der Autor mit einem Augenzwinkern. Der üppige Band zeigt die unbekannten, eben anderen Facetten von Schroeders auf, das ruh- und rastlos spannende Leben eines ewig Suchenden, geprägt von Unsicherheit und Ungewissheiten, von zahllosen überraschenden Wendungen und Höhenflügen, amourösen Verstrickungen, aber auch von Abstürzen und Neuanfängen. Bereits im Prolog kommt sein philosophisches Denken in der Metapher vom Schwimmen im Rhein zum Vorschein, vom Ursprung, Wachsen, Dahinziehen und Aufgehen im Unendlichen, von der berauschenden Freiheit, selber etwas bewegen zu können, aber auch von der Erkenntnis, dass einem Vieles vom Schicksal ungewollt zufällt.   Einige dieser Stationen seiner Lebensreise seien hier bei diesem Abschiedsporträt nur kurz gestreift.


Aufbruch in die grosse Welt


Im ländlichen untertoggenburgischen Oberuzwil aufgewachsen, wo noch immer der Kulturkampf zwischen Katholiken und Protestanten nachhallte, blickte der kleine Urs schon früh über den Dorfrand hinaus und träumte von Reisen nach Surabaya, Shanghai und Tahiti. Bereits in seiner KV-Lehre beim Bühler-Konzern öffnete sich ihm die grosse Welt. Seine tiefe Affinität zur französischen Kultur gründet in seinen jährlichen Teilnahmen am "Rencontre des Jeunes" des Theaterfestivals von Avignon. Seine Lehr- und Wanderjahre brachten ihn nach England, Paris und – in einem für die damalige Zeit höchst ungewöhnlichen Jugend-Austauschprogramm – nach den USA. Den „American Way of Life“ lernte er in zauberhaften Nächten in Vermont, im Zentrum der Macht in Washington und vor allem hautnah in Gastfamilien unterschiedlicher Milieux in Ohio kennen, wo er als „Ambassador“ der Schweiz Vorträge an Unis, in Clubs und Kirchen hielt. Der Nimmermüde sprühte vor Vitalität und Lebenslust und bekam nie genug davon, Neues zu ergründen.


Nach einem kurzen beruflichen Zwischenspiel im Welschland bekam Urs von Schroeder die Chance, Schweizer Geschäftsführer des "Experiment in International Living" zu werden, einer Jugendaustausch-Organisation, deren Ziel es war, das bessere Zusammenleben der Kulturen über alle Grenzen hinweg zu fördern. Diese Aufgabe entsprach voll seinen Neigungen, öffnete ihm weltweit die Türen und prägte ihn für den Rest seines Lebens. Dann jedoch, nach Jahren mit grenzenlosen Horizonten, führte ihn ein radikaler Neuanfang zurück in die tiefste Provinz.


Die journalistische Ochsentour


Mit dem journalistischen Métier hatte von Schroeder schon lange geliebäugelt, doch der Einstieg war damals schwer. Als sich ihm die Chance bot, beim "Thurgauer Volksblatt" in Sirnach eine Einmann-Redaktion zu übernehmen, packte er sie ohne lange zu überlegen, denn das kleine Blatt war bereits berufliches Sprungbrett für viele bekannte Journalisten gewesen. Unter dem enormen Zeitdruck eines täglich erscheinenden Blattes erlernte er nun "on the job" das Handwerk des Zeitungsmachers auf die harte Tour: ohne spezielle Schulung und Einführung, noch ohne Computer, Internet und Digitalkamera, aber mit Agenturmeldungen, die per Post eintrafen. Die Herausforderungen waren am Anfang so gewaltig, dass er nachts kaum zum Schlafen kam und meist als Letztes noch seine tägliche Glosse schrieb. Dies war in der aufregenden Zeit der ersten Mondlandung, des Prager Frühlings und der Jugendkrawalle in Europa, welche Urs von Schroeder hautnah in Paris erlebte. Die Zeit beim Hinterthurgauer Lokalblatt, wo er unter anderem auch einen Prozess bis vor das Bundesgericht zu führen hatte, war sehr lehrreich. Als er später zu einer grösseren St. Galler Zeitung mit einem mehrköpfigen Redaktionsteam wechselte und dort die Nachrichten per Ticker eintrafen, war das für ihn wie Weihnachten.


Wie viele andere hatte der 19-jährige Rekrut darunter gelitten, dass damals die Infanterie-RS eine elende Schinderei mit oft sadistischen Auswüchsen war. Eine weit zivilisiertere Art von Militärdienst erlebte von Schroeder später bei der Generaladjutantur, wo er bis zum Alter von 55 bei "Heer und Haus" und dem Truppeninformationsdienst diente. In den Zeiten des Kalten Krieges musste er sich dort auch mit psychologischer Kriegsführung beschäftigen und Reden für den General verfassen. Das waren, wie er schmunzelnd bemerkt, auch gute Fingerübungen für das Ghostwriting für Swissair-Geschäftsleitungsmitglieder! Auch hier finden sich in seiner Biografie amüsante Reminiszenzen.


Höhen und Tiefen


Reisen ist für Urs von Schroeder nicht einfach ein Hobby, es ist für ihn nebst dem Schreiben schlichtweg die „raison d’être“. Mit offenen Augen und wachen Sinnen erkundete er die Welt meist auf unüblichen Pfaden – er bereiste beruflich und privat weit über hundert Länder – und erlebte dabei oft Unglaubliches. Den Auswüchsen des zerstörerischen Massentourismus, der eine Antarktis-Reise zum banalen Konsumgut verkommen liess, steht er sehr kritisch gegenüber und bedauert es, dass heutigen Menschen "das Unterwegssein als erregender Zustand" abhanden gekommen ist.

Urs von Schroeder liebt die Frauen. Sie spielten in seinem Leben eine grosse Rolle. Er war oft verliebt, beglückt von überbordenden Gefühlen, erlebte aber auch qualvolle Tiefschläge. Mit seiner zweiten Ehefrau, Patricia Lardi, lebt er, inzwischen etwas ruhiger geworden, als freier Publizist am schönen Rhein am Rande der Stadt Schaffhausen. Jetzt, wo seine Biografie in Druck geht und er die Leitung der "News"-Redaktion an den Nagel hängt – viele treue Leser werden dies sehr bedauern – wird er, der schreibende Reisende, der reisende Schreiber, nun etwas mehr Zeit für sich und seine Frau haben. Und für noch unerfüllte Träume ... 


Danke und alles Gute, Urs!