Einer, der die Coronado noch pilotierte

 

Das grösste Flugzeug im Luzerner Verkehrshaus der Schweiz ist die Coronado CV990. Kurt Wohlgemuths Augen leuchteten, als er dort das altvertraute Cockpit wieder sah.

 

 

 

Vom Gerlisberg aus, wo Kurt aufgewachsen ist, konnte man die auf dem Flughafen Kloten startenden und landenden Flugzeuge sehen und hören. Für ihn war sehr früh klar, dass er mal zur Swissair gehen würde. Nach seiner Mechanikerlehre und den Sprachaufenthalten in Lausanne und England kam er 1958 zur Swissair und wurde Bordmechaniker auf den damaligen Kolbenflugzeugen. Doch bereits nach drei Jahren wurde ihm und 23 anderen Bordmechanikern gekündigt, da Swissair sich in einer Krise befand und Personal abbauen musste. Er hatte aber Glück und konnte sich nach erfolgreicher Selektion zum Piloten umschulen lassen. Nun begann seine fliegerische Karriere als Co-Pilot auf der CV440 Metropolitan und später dann auf der Coronado, dem vierstrahligen Düsenjet.

 

Das schnellste Verkehrsflugzeug

 

Kurt Wohlgemuth ist später als Captain auch DC-9, DC-8, DC-10 und MD11 geflogen, doch der Star unter all diesen Flugzeugen war für ihn die Coronado. Dieses damals sehr moderne Flugzeug war anspruchsvoll aber schön zu fliegen, toll zum Landen, auch wenn es oft hart war. Kein anderes Linienflugzeug konnte so schnell, mit einer maximalen Geschwindigkeit von Mach 0,91, fliegen, wobei die normale Reisegeschwindigkeit bei Mach 0,83 bzw. 895 km/h lag. Im Cockpit arbeiteten nebst den zwei Piloten noch ein Bordmechaniker und auf gewissen Strecken auch ein Navigator. Die Coronado war für Passagiere, Cockpit- und Cabin Crew äusserst beliebt. Allerdings war dieses Flugzeug mit vier Triebwerken für nur 100 Passagiere nicht wirklich profitabel und auch nicht umweltfreundlich. Berüchtigt waren die Rauchfahnen, die beim Starten aus den Triebwerken qualmten. Problematisch war die limitierte Reichweite. Als die CV990 vermehrt Europastrecken flog, wurden noch zusätzliche Sitze eingebaut, so wie dies heute im Verkehrshaus zu sehen ist.

 

Die 16 First- und 84 Economy-Class-Passagiere wurden von zwei Stewards und vier Airhostessen richtig verwöhnt. In der First Class wurde zum Beispiel auf dem kurzen Flug von Genf nach Athen ein exquisites Fünfgang-Menü mit Kupferpfannen und Platztellern auf karierter Tischwäsche serviert.

 

Wiedersehen im Verkehrshaus

 

Als der nun pensionierte Pilot im Verkehrshaus der Schweiz seinen ehemaligen Arbeitsplatz besichtigte, da kamen all die schönen Gefühle von damals wieder hoch. Vor seinem geistigen Auge sah er all die angeflogenen Destinationen wie Athen, Karachi, Bangkok, Hongkong, Tokyo oder Dakar und Rio wieder vor sich. Es war wohl die schönste Zeit der noch jungen Fliegerei, doch es wurde damals auch hart gearbeitet. Nach einem Flug Zürich-Genf-Athen-Kairo-Khartum und nach kurzer Übernachtung zurück, wusste man, was man gemacht hatte. Kurt Wohlgemuth denkt gerne zurück an all die gemeinsamen Crew-Erlebnisse. Ihm war ein gutes und kollegiales Verhältnis sehr wichtig, hierarchische Überheblichkeit war ihm fremd. Auf den langen 10 bis 14tägigen Rotationen war ein gut funktionierendes Team zwingend. Er glaubt, auch heute noch diese Coronado pilotieren zu können. Das Fliegen mit heutigen, modernen Flugzeugen ist verglichen mit der Coronado dank Automatik und Elektronik leichter geworden. «Der automatische Pilot ist zuverlässiger als der Mensch», meint er.

 

Das Leben heute

 

 

Der muntere 87-Jährige wohnt heute mit seiner Frau – sie sind seit 62 Jahren verheiratet – im Zentrum von Kloten, ihre erwachsenen Kinder und Enkelkinder leben in der Nähe. Bewegung ist ihnen wichtig. Nachdem sie noch eindrückliche Ferien in der Antarktis unternommen hatten, verzichten sie heute auf weite Reisen. Kurt Wohlgemuth ist Mitglied bei den Aeropens, PVSR und Swissair Oldies. Er schätzt diese Kontakte mit ehemaligen Swissair-Kollegen und Kolleginnen sehr, denn da spricht man die gleiche Sprache und kann herrlich über glückliche, vergangene Erfahrungen philosophieren. Nach der Pensionierung hat er das Fliegen nicht ganz aufgegeben: zur Entspannung sitzt er gerne an seinem Computer und rast dank Flugsimulator-Programm mit einer Militärmaschine FA-18 durch enge Täler des Wallis oder über die weiten Landschaften Amerikas.